
Bis 1931 war die Hauptgasse grau und braun. Dann bemalte Johannes Hugentobler eine Drogerie mit Heilkräutern — und das ganze Dorf wollte auch so schön sein.
Wer durch die Hauptgasse von Appenzell geht, ist sicher: So sah das hier immer aus. Rot und ocker bemalte Fassaden, Ranken zwischen den Fensterreihen, gemalte Wappen, Fahnen über der Gasse, an einer Hausecke ein goldener Löwe an einem verschnörkelten Eisenarm — das wirkt alt, über Jahrhunderte gewachsen.
Die Häuser sind tatsächlich alt, viele stammen aus der Zeit nach dem großen Dorfbrand von 1560. Ihre bunten Kleider aber sind jünger als hundert Jahre. Bis Anfang der 1930er-Jahre zeigte sich die Hauptgasse grau und braun. Dann bekam ein junger Maler freie Hand für eine einzige Ladenfassade, und zwar genau unter dem goldenen Löwen. Was er daraus machte, gefiel so sehr, dass das Dorf innerhalb weniger Jahre ein neues Gesicht hatte.
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Für die schönsten Fassaden brauchen Sie keinen Eintritt und keine Führung, nur eine halbe Stunde und einen Blick nach oben. Die dichteste Reihe steht an der Hauptgasse zwischen der Heiligkreuzkapelle und dem Rathaus, dazu der Landsgemeindeplatz mit dem tiefroten Hotel Säntis. Alles liegt am Weg der Runde, die wir in unserem Artikel über die Sehenswürdigkeiten in Appenzell beschreiben.
Die Fassaden sind jeden Tag zu sehen, auch am Sonntag und auch bei schlechtem Wetter. Unter einer geschlossenen Wolkendecke, wie bei unserem Besuch, wirken die Farben sogar tiefer: Kein grelles Licht brennt die hellen Wände aus, kein harter Schatten zerschneidet die Malerei.

Der Mann, mit dem alles begann, heißt Johannes Hugentobler. Ausgebildet in St. Gallen und in Italien, war er Maler, Glasmaler und Architekt zugleich. Sein erstes Werk in Appenzell sorgte 1923 für Gesprächsstoff: ein Fresko des heiligen Mauritius an der Pfarrkirche, nicht jedem gefiel es.
1931/32 bekam er die Fassade der Löwen-Drogerie an der Hauptgasse 20, der Drogerie der Familie seiner Frau. Hugentobler bemalte sie auffällig bunt, und zwar mit dem, was drinnen verkauft wurde: mit Heilkräutern. Für die damalige Gasse war das ungewohnt — und es kam an. Die beiden Nachbarn beauftragten ihn als Nächste, dann übernahmen andere Maler und Malergeschäfte seinen Stil. Innerhalb von rund zehn Jahren war aus der grau-braunen Hauptgasse die farbige geworden, die heute alle fotografieren.
Bis an sein Lebensende hat Hugentobler zahlreiche Häuser im Dorfkern bemalt, darunter die Weinhandlung Linherr und das Hotel Säntis am Landsgemeindeplatz. Nebenbei gestaltete er Kirchen und Kapellen in der Schweiz und in Liechtenstein; in Appenzell selbst malte er 1935 das Altarbild „Mariä Lichtmess“ für die Kirche des Kapuzinerklosters.
Eine Fassade ist übrigens älter als seine: Die Fresken am Rathaus mit Szenen aus der Appenzeller Geschichte malte August Schmid schon 1928.

Wenn Sie durch die Gassen gehen, wiederholen sich einige Elemente. Wer sie einmal auseinanderhält, schaut gleich doppelt so gern hin:

Das Haus an der Poststrasse 2 zeigt, wie lebendig diese Tradition bis heute ist: Seinen geschweiften Giebel bekam es erst 1964, seine bunten Bildfelder sogar erst im Jahr 2000. Gemalt ist es, wie die meisten Häuser im Ortskern, auf Holz: Viele von ihnen sind Holzbauten, ihre Wände mit kleinen Schindeln verkleidet.
Auch die berühmte Senntumsmalerei der Region ist Malerei auf Holz. Diese naive Bauernmalerei blühte im 19. Jahrhundert auf, gemalt von Handwerkern aus den Dörfern des Appenzellerlands und des Toggenburgs, und zeigt fast immer dasselbe: Kühe, Sennen, die Alp und die Alpfahrt. Ihr Platz sind Tafelbilder, bemalte Möbel, die Böden der Melkeimer und lange Bildstreifen über dem Scheunentor. Die bemalten Fassaden im Dorf sind dagegen eine eigene Kunst.

Zu den schönsten Häusern in Appenzell gehören auch einige ganz ohne Malerei. Sie tragen ein Kleid aus unzähligen kleinen Schindeln mit runder Unterkante, die sich überlappen wie die Schuppen eines Fisches. Aus der Nähe wirkt die Wand wie fein gestrickt, aus ein paar Schritten Abstand wie eine weiche, lebendige Fläche, auf der jedes Licht anders liegt.
Traditionell sind es Holzschindeln aus Fichte oder Lärche. Unbehandelt werden sie mit den Jahren silbergrau, manche Häuser tragen sie gestrichen. Unser Lieblingsbeispiel steht an der Alten Weissbadstrasse: ein weißes Haus mit fein geschuppter Fassade und kräftig roten Fensterläden. Ohne einen einzigen Pinselstrich Ornament gehört es für uns zu den schönsten Häusern im Dorf.

Schauen Sie beim Gehen auch auf die Schilder. Über den Türen hängen goldene Brezeln, ein vergoldeter Löwe und Ausleger aus geschmiedetem Eisen: das Schild der Parfumerie mit bunten Flakons vor einer bemalten Holzfassade, und das prächtigste von allen am Hotel Säntis, verschnörkelt wie ein Scherenschnitt. Grelle Leuchtkästen und Werbung auf den Dächern suchen Sie hier vergeblich: Im Ortskern muss jedes Schild ins Bild passen, und so erzählt die Gasse bis heute mit Gold und Eisen, was hinter den Türen verkauft wird.

Eine Mode hält keine neunzig Jahre, wenn niemand auf sie achtet. In Appenzell achtet das ganze Dorf darauf: Wer im Ortskern seine Fassade neu streicht oder die Fensterläden ersetzt, braucht dafür eine Bewilligung, und dabei wird geprüft, ob die Farbe zur Gasse passt. Die Regeln dazu haben die Appenzellerinnen und Appenzeller an ihrer Gemeindeversammlung selbst beschlossen.
Am schönsten sieht man das an der Zielstrasse, auf dem Weg vom Parkplatz ins Dorf. Dort stehen Wohnhäuser von heute, große Bauten mit hohen, schmalen Fenstern, gestrichen in sanften Pastelltönen. Über ihre Fassadenplatten läuft ein Rautenmuster, das die bemalten Felder der alten Häuser aufnimmt. Und am Ende derselben Straße stehen die echten Appenzeller Giebelhäuser, in ganz ähnlichen Farben. Alt und Neu erzählen hier dasselbe Märchen.

Die bunten Häuser liegen so nah beieinander, dass Sie sie in einer halben Stunde ablaufen können. Unser Vorschlag:
Zurück geht es über die Hauptgasse, und spätestens jetzt sehen Sie in vielen Giebeln ein Stück Hugentobler.
| Wo | Hauptgasse und Landsgemeindeplatz, Dorf Appenzell, Kanton Appenzell Innerrhoden (Schweiz) |
| Eintritt | frei · alle Fassaden vom öffentlichen Raum aus zu sehen |
| Am Sonntag | ohne Einschränkung |
| Zeit | für die Fassaden allein eine halbe Stunde, als Teil der Dorfrunde rund zwei Stunden |
| Hugentobler-Adressen | Löwen-Drogerie, Hauptgasse 20 · Hotel Säntis, Landsgemeindeplatz · Weinhandlung Linherr |
| Älter als Hugentobler | Rathaus, Fresken von August Schmid, 1928 |
| Bestes Licht | bedeckter Himmel · in praller Sonne verlieren die Malereien an Zeichnung |
| Parken | Parkplatz Ziel an der Zielstrasse, an den Neubauten vorbei ins Dorf |
Weil Anfang der 1930er-Jahre der Maler Johannes Hugentobler die Fassade der Löwen-Drogerie an der Hauptgasse mit Heilkräutern bemalte. Die Nachbarn ließen ihre Häuser ebenfalls von ihm gestalten, andere Maler übernahmen den Stil, und innerhalb von rund zehn Jahren war die zuvor grau-braune Hauptgasse farbig.
Vor allem Johannes Hugentobler (1897–1955), der zwischen 1931 und 1955 zahlreiche Häuser im Dorfkern bemalte, darunter die Löwen-Drogerie, die Weinhandlung Linherr und das Hotel Säntis. Nach seinem Vorbild arbeiteten weitere Maler und Malergeschäfte. Die Fresken am Rathaus stammen von August Schmid aus dem Jahr 1928.
Die Häuser selbst entstanden größtenteils nach dem Dorfbrand von 1560, die bunte Bemalung ist dagegen jünger als hundert Jahre. Die erste Fassade im neuen Stil, die der Löwen-Drogerie, wird auf 1931 oder 1932 datiert.
Eine naive Bauernmalerei, die im 19. Jahrhundert im Appenzellerland und im Toggenburg entstand. Gemalt haben sie Handwerker aus den Dörfern, meist auf Holztafeln und Möbeln, und sie zeigt fast immer dieselben Motive: Kühe, Sennen, die Alp und die Alpfahrt. Mit der Fassadenmalerei im Dorf Appenzell hat sie nichts zu tun, denn die entstand erst ab den 1930er-Jahren.
An der Hauptgasse zwischen der Heiligkreuzkapelle und dem Rathaus sowie rund um den Landsgemeindeplatz mit dem roten Hotel Säntis. Dort stehen die Häuser mit bemalten Feldern zwischen den Fensterreihen, Bilderfriesen, Wappen und geschmiedeten Ladenschildern dicht an dicht.
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