Das Tal der 72 Wasserfälle: In Lauterbrunnen kommt der Staubbach unten gar nicht an

Redaktion Wohin FahrenSchweizvor 2 Wochen25 Aufrufe

Fast 300 Meter freier Fall — und was den Boden erreicht, ist längst kein Wasser mehr.

Der Staubbachfall stürzt 297 Meter über die Felswand von Lauterbrunnen — und unten kommt trotzdem kein Wasser an. Der Strahl verlässt die Kante schmal, fächert im Fallen auf, und lange bevor er die Dächer des Dorfes erreicht, hat die aufsteigende Luft ihn in Tropfen zerlegt. Was den Talboden erreicht, ist Sprühnebel. Daher der Name: Staubbach, der staubende Bach.

Lauterbrunnen liegt auf rund 800 Metern im Berner Oberland, am Eingang eines Tals, das aussieht, als hätte jemand die Landschaft mit dem Messer geschnitten. Und das Wichtigste vorweg, damit Sie richtig planen: Dieses Dorf ist der Eingang — das Ziel liegt dahinter.

Wann die Wasserfälle am stärksten sind

Kommen Sie im späten Frühling oder im Frühsommer. Ende Mai und im Juni läuft die Schneeschmelze, und die Wasserfälle führen am meisten Wasser. Im Hochsommer werden die Strahlen dünner, im Herbst sind viele nur noch Fäden.

Nehmen Sie sich mehr vor als einen kurzen Halt. Den Staubbachfall haben Sie in einer Dreiviertelstunde gesehen; das Tal dahinter entfaltet sich erst, wenn Sie bleiben, am besten über Nacht. Wie Sie dem Tagesandrang aus dem Weg gehen, steht in unserem Artikel über Lauterbrunnen und seine Touristen.

Und planen Sie Zeit für den Talboden ein. Er ist eben, breit und offen, und über ihm stehen die Wände. Dieser Größenunterschied ist das eigentliche Erlebnis, mehr noch als jeder einzelne Wasserfall.

Ebener Talboden im Lauterbrunnental mit Wanderweg, Bergscheune und schneebedeckten Gipfeln am Talschluss

Warum die Berge hier neben Ihnen stehen

Lauterbrunnen liegt in einem Trogtal: Ein Gletscher hat es ausgehobelt und einen U-förmigen Querschnitt hinterlassen. Der Talboden ist so flach wie ein Tisch, doch die Wände daneben ragen fast ohne Übergang in die Höhe — an der Mürrenfluh sind es gut 800 Meter fast senkrechter Fels.

Wer hier unten spaziert, schaut fast ununterbrochen steil nach oben. Wie extrem die Landschaft aufragt, zeigt eine einzige Zahl: Von Stechelberg am Talende bis zum Gipfel der Jungfrau sind es 3239 Höhenmeter — auf einer Horizontaldistanz von nicht einmal fünf Kilometern.

Für Sie heißt das: Im Tal laufen Sie fast ohne Steigung. Der Weg nach Stechelberg steigt nur sanft an, gut hundert Höhenmeter auf sechs Kilometern. Die Berge stehen daneben, nicht davor.

Der Staubbach verliert sich auf dem Weg nach unten

Genau diese Wände machen den Staubbach erst möglich: Nur wo der Fels so steil, an manchen Stellen sogar überhängend abbricht, kann Wasser fast 300 Meter frei fallen. Mit 297 Metern gilt der Staubbach als höchster frei fallender Wasserfall der Schweiz. „Frei fallend“ ist dabei kein Werbewort, sondern der springende Punkt: Das Wasser stürzt über überhängenden Fels und berührt unterwegs keine Wand. Die Thermik, die hier regelmäßig am Fels aufsteigt, zerstäubt es in alle Richtungen, bei Wind treibt die Fahne sichtbar quer. Deshalb ist der beste Platz für diesen Wasserfall nicht direkt darunter, sondern ein Stück entfernt: Von der Dorfstraße aus sehen Sie ihn ganz, von unten nur noch Nebel.

Genau dieses Schauspiel faszinierte schon Johann Wolfgang von Goethe. Als er 1779 vor dem wirbelnden Sprühnebel stand, inspirierte ihn der Fall zu seinem „Gesang der Geister über den Wassern“. Wer die zweite Strophe heute liest, hat das Bild sofort vor Augen:

Strömt von der hohen,
Steilen Felswand
Der reine Strahl,
Dann stäubt er lieblich
In Wolkenwellen
Zum glatten Fels

Johann Wolfgang von Goethe, 1779

Das ist keine dichterische Übertreibung, sondern eine präzise Beobachtung, die bis heute exakt stimmt.

Hinauf führt ein kurzer, stellenweise steiler Weg zur Staubbach-Galerie, einem Felsengang, von dem aus Sie fast hinter das Wasser schauen. Er ist von Mai bis Oktober offen und kostet nichts; die übrige Zeit ist er wegen Eis- und Steinschlag gesperrt. Nehmen Sie Schuhe mit gutem Profil: Der Weg ist nass und rutschig.

Der höchste Wasserfall der Schweiz steht nebenan

Der Staubbach steht auf den Postkarten, aber er ist nicht der höchste Fall im Tal. Diesen Titel trägt der Mürrenbachfall am Talende bei Stechelberg: 417 Meter, und damit nach heutiger Einordnung der höchste Wasserfall der Schweiz. Lange galt er als Kaskade, bis Geografen 2009 bei genauer Untersuchung keine der dafür typischen Stufen fanden und ihn zu einem einzigen Fall erklärten. Ganz unumstritten ist das allerdings nicht.

Anders als der Staubbach fällt der Mürrenbach nicht frei, sondern an der fast senkrechten Mürrenfluh entlang. Am besten sehen Sie ihn aus der Luftseilbahn, die in Stechelberg nach Mürren hinauffährt; ihre Talstation liegt gleich neben dem Fall.

Kühe auf einer Weide im Lauterbrunnental, dahinter rinnt ein dünner Wasserstrang über die hohe Felswand

„72 Wasserfälle“ — und was Sie davon wirklich sehen

Das Lauterbrunnental heißt „Tal der 72 Wasserfälle“, und die Zahl steht in jedem Prospekt. Sie meint allerdings das ganze Tal über das ganze Jahr. Ein großer Teil davon sind Rinnsale, die nur während der Schneeschmelze laufen und im Sommer verschwinden.

Das sollte niemanden enttäuschen. Die Realität ist ohnehin viel eindrucksvoller: Sie fahren in ein Tal, in dem an jeder Wand Wasser herunterkommt, mal als Fahne, mal als Faden, und in dem der höchste frei fallende und der höchste Wasserfall der Schweiz nur rund fünf Kilometer auseinanderliegen.

Der Wasserfall, der im Berg versteckt ist

Wenige Kilometer taleinwärts liegt das Gegenstück zum Staubbach: die Trümmelbachfälle. Hier fällt das Schmelzwasser der Gletscher von Eiger, Mönch und Jungfrau nicht vor der Wand herunter, sondern in ihr, durch eine enge Klamm, die es sich mit Sand und Geröll selbst in den Fels gefräst hat. Die obersten Fälle liegen so tief im Berg, dass kein Tageslicht mehr zu ihnen dringt.

Zehn Kaskaden liegen hintereinander, bis zu 20 000 Liter Wasser pro Sekunde rauschen hindurch. Seit 1913 sind sie über ein gut 600 Meter langes System aus Tunneln, Treppen und einem Schräglift im Berg zugänglich. Laut, eng und nass statt weit und leise: Das Tosen im Berg ist so gewaltig, dass man sein eigenes Wort kaum versteht — das genaue Gegenteil des Staubbachs, der sich draußen fast lautlos in Sprühnebel auflöst.

Eines sollten Sie vorher wissen, weil es Familien und Hundehalter überrascht: Aus Sicherheitsgründen geht es erst ab vier Jahren hinein, und Hunde warten draußen. Die Saison steht unten im praktischen Teil.

Wo Tolkien Bruchtal fand

Diese archaische Wucht aus Fels und Wasser hat das Tal nicht nur zum Magneten für Touristen gemacht, sondern auch zu einem Ort der Literaturgeschichte. Im Sommer 1911 wanderte ein 19-Jähriger mit Freunden von Interlaken aus durch dieses Tal und weiter über die Pässe: J. R. R. Tolkien. Mehr als fünfzig Jahre später schrieb er seinem Sohn, die Reise des Hobbits von Bruchtal über das Nebelgebirge beruhe auf seinen Abenteuern von 1911. Seither gilt das Lauterbrunnental als Vorbild für Bruchtal, das Tal der Elben mit seinen Wasserfällen und steilen Wänden.

Auch der Name des Tals hat eine Geschichte. „Lauter“ heißt hier nicht laut, sondern klar: Schon im 13. Jahrhundert wurde das Tal „Claro Fonte“ genannt, klare Quelle. Tolkien, selbst Sprachwissenschaftler, nannte den Fluss bei Bruchtal im Original „Loudwater“, also laut und nicht klar. Ob er dabei bewusst mit den beiden Bedeutungen spielte, ist nicht belegt.

Warum dieses Tal „Tal des Todes“ genannt wird

Die senkrechten Wände, die das Tal so fotogen machen, haben es auch zu einem der bekanntesten Orte der Welt für Basejumping gemacht. Die Swiss Base Association schätzt 15 000 bis 20 000 Sprünge im Jahr, von Felsen wie der Mürrenfluh oder der Staldenfluh.

Der Preis dafür ist hoch. Zwischen 2000 und 2022 kamen in der Region Lauterbrunnen rund 60 Extremsportler ums Leben, in den Medien heißt das Tal deshalb oft „Tal des Todes“.

Der Sport ist in der Schweiz erlaubt. Um 2006 war ein Verbot im Gespräch, und 2019 lehnte die Regierung einen entsprechenden Vorstoß im Parlament ab, mit Verweis auf die Selbstregulierung der Springer. Wer im Tal springt, löst eine Jahreskarte, und der größere Teil des Geldes geht an die Bauern, auf deren Wiesen die Springer landen.

Für Sie als Besucherin oder Besucher heißt das vor allem: Wenn über Ihnen ein Schirm aufgeht, bleiben Sie auf den Wegen und halten Sie die Wiesen frei.

Zwei Dörfer ohne Autos

Vom Talboden führen zwei Wege nach oben, und beide enden dort, wo kein Auto hinkommt.

  • Wengen, 1274 Meter, rund 1100 Einwohner, erreichbar mit der Zahnradbahn ab Lauterbrunnen.
  • Mürren, rund 1650 Meter, auf der anderen Talseite, erreichbar mit der Seilbahn nach Grütschalp und weiter mit der Bergbahn, oder von Stechelberg aus mit der Luftseilbahn, aus der Sie den Mürrenbachfall sehen.

Beide Orte sind autofrei, schlicht weil nur Bahn und Seilbahn hinaufführen.

Mit Hund in Lauterbrunnen

Der Talboden ist für Hunde gut zu gehen, eben und weit. Auf den Weiden direkt an den Wegen stehen im Frühling und im Herbst allerdings Kühe, teils mit Kälbern, und Mutterkühe verteidigen ihre Jungen. Wenn Sie mit Hund an den Weiden entlanggehen, führen Sie ihn deshalb unbedingt an der kurzen Leine.

Die Trümmelbachfälle besichtigen Sie ohne Hund. Wer zu zweit reist, macht es am besten nacheinander: Einer geht hinein, der andere wartet mit dem Hund draußen. Die Bahnen nach Wengen und Mürren nehmen Hunde gegen ein eigenes Billett mit.

Praktisches

Ort Lauterbrunnen, Berner Oberland (Schweiz), rund 800 m
Anreise mit der Bahn ab Interlaken Ost, rund 20 Minuten
Parken Parkhaus am Bahnhof (974 Plätze, überdacht, online buchbar) oder Parkplatz an der Kirche (168 Plätze, im Freien). Mehr dazu
Staubbachfall frei zugänglich, kostenlos
Staubbach-Galerie Mai bis Oktober, kostenlos; kurzer, steiler und rutschiger Weg
Mürrenbachfall 417 m, am Talende bei Stechelberg, gut aus der Luftseilbahn nach Mürren zu sehen
Trümmelbachfälle Anfang April bis Anfang November, täglich, im Hochsommer länger; Eintritt kostenpflichtig
Trümmelbachfälle: Zutritt Kinder ab 4 Jahren, ohne Hund
Wengen / Mürren autofrei, nur mit Bahn oder Seilbahn
Mit Hund im Talboden an der kurzen Leine; Trümmelbachfälle ohne Hund
Beste Zeit später Frühling und Frühsommer: Ende Mai bis Juni, während der Schneeschmelze

Häufige Fragen zu Lauterbrunnen und seinen Wasserfällen

Wie hoch ist der Staubbachfall in Lauterbrunnen?

Der Staubbachfall stürzt 297 Meter in die Tiefe und gilt als höchster frei fallender Wasserfall der Schweiz. Weil das Wasser über überhängenden Fels fällt und die Thermik es zerstäubt, kommt am Talboden kein geschlossener Strahl an, sondern Sprühnebel, daher der Name. Der höchste Wasserfall der Schweiz überhaupt liegt im selben Tal: der Mürrenbachfall bei Stechelberg mit 417 Metern.

Wann sind die Wasserfälle in Lauterbrunnen am stärksten?

Im späten Frühling und im Frühsommer, etwa von Ende Mai bis Ende Juni, während der Schneeschmelze. Im Hochsommer nimmt die Wassermenge ab, im Herbst und Winter sind viele der kleineren Fälle nur noch dünne Fäden oder ganz verschwunden.

Gibt es in Lauterbrunnen wirklich 72 Wasserfälle?

Die Zahl bezieht sich auf das gesamte Tal über das ganze Jahr, nicht auf das, was gleichzeitig zu sehen ist. Ein großer Teil sind Rinnsale, die nur während der Schneeschmelze laufen. Zu sehen gibt es trotzdem viel: Im Frühsommer kommt an fast jeder Wand Wasser herunter.

War das Lauterbrunnental Tolkiens Vorbild für Bruchtal?

Tolkien wanderte 1911 als 19-Jähriger durch das Tal und schrieb später seinem Sohn, die Reise des Hobbits von Bruchtal über das Nebelgebirge beruhe auf diesen Erlebnissen. Das Lauterbrunnental gilt deshalb als Vorbild für Bruchtal, das Tal der Elben im „Herrn der Ringe“.

Warum wird das Lauterbrunnental „Tal des Todes“ genannt?

Die senkrechten Felswände machen das Tal zu einem der bekanntesten Orte der Welt für Basejumping, mit geschätzt 15 000 bis 20 000 Sprüngen im Jahr. Zwischen 2000 und 2022 kamen in der Region rund 60 Extremsportler ums Leben. Der Sport ist in der Schweiz legal.

Kann man Lauterbrunnen mit Hund besuchen?

Ja, auf dem Talboden sogar gut: Die Wege sind eben und gut begehbar. Weil die Weiden direkt an den Wegen liegen und Mutterkühe ihre Kälber verteidigen, gehört der Hund dort an die kurze Leine. Die Trümmelbachfälle besichtigt man ohne Hund.

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