
Bemalte Giebel, goldene Brezeln, ein Käse mit Geheimrezept, Läden, die sonntags offen haben, und am Ende vieler Gassen eine grüne Wiese: Appenzell ist ein Dorf wie aus dem Bilderbuch.
Wer in Appenzell aus dem Auto steigt, hat das Gefühl, in ein Bilderbuch geraten zu sein. Über der Hauptgasse flattern Fahnen mit dem schwarzen Bären, an geschmiedeten Armen hängen goldene Brezeln, Kronen und ein Löwe, die Häuser sind bemalt wie Lebkuchen, und es duftet nach frischem Brot. Am Ende vieler Gassen wartet kein Häuserblock, sondern eine grüne Wiese. Das Dorf hört nicht einfach auf, es geht in die Weide über.
Wir haben beim Aussteigen sofort an Heidi gedacht, obwohl Johanna Spyris Roman knapp 40 Kilometer weiter südlich spielt, bei Maienfeld in Graubünden. Appenzell braucht keine Romanfigur. Der kleine Hauptort des Kantons Appenzell Innerrhoden liegt auf 780 Metern am Fuß des Alpsteins, ist flach, überschaubar und in zwei gemütlichen Stunden zu Fuß entdeckt. Hier steht, was Sie sehen, probieren und mitnehmen sollten, und wie der Tag mit Hund oder Kinderwagen gelingt.
Inhalt

Vom Parkplatz Ziel sind es nur ein paar Gehminuten, dann öffnet sich der Landsgemeindeplatz. An seiner Nordseite leuchtet das tiefrote Hotel Säntis, über zwei Stockwerke bemalt, mit einem filigran geschmiedeten Wirtshausschild. Es trägt goldene Lettern und einen roten Kelch in der Mitte und hebt sich vom Himmel ab wie ein feiner Scherenschnitt. Gegenüber steht ein hellgelbes Haus mit einer ganzen Reihe gemalter Wappen. Am Platz wächst eine Linde mit sprechendem Namen: die Gerichtslinde.
An gewöhnlichen Tagen parken hier Autos. Doch einmal im Jahr, am letzten Sonntag im April, versammelt sich auf diesem Platz das Stimmvolk des Kantons und stimmt unter freiem Himmel mit erhobener Hand ab. Viele Männer zeigen dabei statt einer Stimmkarte ihren Säbel, der in der Familie oft vom Vater auf den Sohn übergeht.
Wo Sie am besten parken und was es kostet, steht in unserem Artikel über das Parken in Appenzell.
Wo die Marktgasse in die Hauptgasse mündet, steht die kleine Heiligkreuzkapelle mit ihrem Türmchen auf dem Dach. Gebaut wurde sie 1561, ein Jahr nach dem großen Dorfbrand; die farbigen Glasfenster schuf der Künstler Ferdinand Gehr 1964. Davor steht ein Steinbrunnen mit langem Trog.
Ab hier wird es still. Die Gassen sind Fußgängerzone, Lieferwagen halten nur am Vormittag kurz, und unter den Füßen liegt Pflaster statt Asphalt.

Die Hauptgasse ist das Appenzell der Postkarten. Giebelhaus an Giebelhaus, viele mit geschwungenen Giebeln, bunt bemalten Feldern zwischen den Fensterreihen und Auslegern aus geschmiedetem Eisen. Über der Gasse hängen an Drähten die Fahnen der Schweiz und des Kantons, an den Fassaden der goldene Löwe der Drogerie, die Brezeln der Bäcker, die Krone über dem Kiosk. Besonders typisch für den Appenzeller Stil gelten die Häuser „Kreuz“ und „Raben“.
Fast alles hier wurde nach dem Dorfbrand von 1560 neu gebaut. Bunt bemalt sind die Fassaden allerdings erst seit den 1930er-Jahren: Ein einziger Maler hat damit angefangen, und das halbe Dorf wollte danach auch so schön sein. Die ganze Geschichte erzählen wir im Artikel über die bunten Häuser von Appenzell.

An der Hauptgasse hängt unter dem Vorbau eines Hauses mit geschnitzten Holzsäulen eine goldene Brezel. Gegenüber, an einer weißen Hauswand, werben drei Sennen in roten Westen neben ihren Milchkannen für „das würzigste Geheimnis der Schweiz“. Gemeint ist der Käse, für den viele überhaupt erst ins Appenzellerland kommen.
Appenzeller Käse entsteht seit über 700 Jahren in dieser Gegend. Zweimal am Tag bringen die Bauern ihre frische Rohmilch in eine der rund 40 Dorfkäsereien. Seinen würzigen Geschmack bekommt der Käse von der Kräutersulz, mit der er während der monatelangen Reifezeit regelmäßig gepflegt wird: eine Mischung aus Kräutern, Wurzeln, Blättern, Blüten, Samen und Rinden. Die genaue Rezeptur kennen nach Angaben der Hersteller nur zwei Menschen.
Kaufen können Sie ihn mitten im Dorf. Am Postplatz beim Bärenbrunnen steht das Haus Salesis, nach dem großen Brand von 1560 wieder aufgebaut. Darin hat die Organisation der Appenzeller Käsereien ihre Büros und im Erdgeschoss ihren eigenen Käseladen, auch sonntags geöffnet. Beim Aussuchen hilft eine einfache Regel: Je länger der Käse gereift ist, desto kräftiger schmeckt er, von mild-würzig nach drei Monaten bis edel-würzig nach neun bis zwölf.
Für die Heimfahrt gehört außerdem ein Appenzeller Biber ins Gepäck, ein Honiggebäck mit Mandelfüllung, auf das meist ein Bild gepresst ist, gern der Bär. Mit dem Nagetier hat der Name nichts zu tun: Er geht auf das mittelalterliche „Bimenzelte“ zurück, einen flachen Gewürzkuchen, und dessen „Bimen“ kommt vom lateinischen „pigmentum“, Gewürz.

Hinter den bemalten Fassaden liegt keine Souvenirmeile, sondern eine Reihe alter Fachgeschäfte, und die halbe Freude steht hinter Glas.

Wer nach deutscher Logik plant, erwartet den Sonntag geschlossen. In Appenzell ist es anders. Weil das Dorf ein Ausflugsort ist, dürfen Läden, die vor allem für Gäste da sind, auch am Sonntag öffnen, von 10 bis 18 Uhr; an den Adventssonntagen darf sogar jeder Laden im Dorf aufmachen. Bei unserem Besuch an einem Sonntagnachmittag brannte Licht in den Schaufenstern, und Kundenstopper standen vor den Türen.
Sonntags geöffnet haben zum Beispiel der Bücherladen von 11 bis 17 Uhr, die Parfumerie von 11 bis 16 Uhr, der Käseladen im Haus Salesis von 11 bis 17 Uhr und das Museum Appenzell.
Für Ihre Planung heißt das: Der Sonntag ist in Appenzell ein wunderbarer Ausflugstag. Kommen Sie am besten ab elf Uhr, dann stehen die Türen der Läden offen, und Sie können nach Herzenslust stöbern.

Am östlichen Ende der Hauptgasse steht das Rathaus, ein spätgotischer Bau mit Fresken aus der Appenzeller Geschichte an der Fassade. In seinen oberen Stockwerken wohnt das Museum Appenzell. Seine Dauerausstellung trägt den schönen Titel „Spetzlistich, Rosenkranz und Bärenzahn“ und erzählt die ländliche Kulturgeschichte des Kantons — die beste Adresse, falls es doch regnet. Der Eintritt kostet für Erwachsene 9 Franken, für Studierende 7; Kinder in Begleitung Erwachsener sind frei, ebenso alle mit dem Schweizer Museumspass, dem Swiss Travel Pass oder der Appenzeller Ferienkarte.
Gleich dahinter thront die Pfarrkirche St. Mauritius auf einem Kalkfelsen über der Sitter. Eine erste Kirche stand hier schon vor fast tausend Jahren; der Turm und der Chor mit seinen hohen Spitzbogenfenstern sind spätgotisch, das helle Schiff kam im 19. Jahrhundert dazu. Am schönsten sehen Sie die Kirche aus den kleinen Gassen dahinter, wo sie über den Dächern der Holzhäuser auftaucht.

Ein paar Schritte weiter, am Postplatz, steht der Bärenbrunnen: ein achteckiges Steinbecken voller Wasser, in der Mitte eine Säule mit dem Bären obendrauf, rundherum Blumen. Gleich daneben wartet eine der schönsten Stationen des Tages: der Käseladen im Haus Salesis.
Der Bär begegnet Ihnen in Appenzell auf Schritt und Tritt. Im Wappen des Bezirks Appenzell hält er zusätzlich einen roten Ring zwischen den Pranken: Er steht für den alten Hof, aus dem der Ort entstanden ist. Auch der Name des Dorfes erzählt von diesem Hof. 1071 wird Appenzell als „Abbacella“ erwähnt, die Zelle des Abtes, ein Hof des Klosters St. Gallen. Die Einheimischen sagen „Appezöll“.
Wer noch ein paar Minuten weitergeht, über die Weissbadstrasse nach Südosten, sieht, wie sanft Appenzell endet: weiße Häuser mit roten Fensterläden, eines davon mit einer Fassade wie aus Fischschuppen, und gleich dahinter die Hügel. Zurück geht es durch die schmale Gerbestrasse, wo hinter den Holzhäusern die Pfarrkirche auftaucht.

Von vorn sieht unser Hundebuggy aus wie ein Kinderwagen, und genau so wurde er in Appenzell auch angeschaut. Dann entdeckten die Leute die französische Bulldogge hinter dem Netz. Die Älteren lächelten zurückhaltend und zwinkerten, die Jüngeren winkten ihm zu, und unser Hund beantwortete beides mit hemmungsloser Begeisterung. In einem Dorf, in dem man Fremde nicht einfach anspricht, war der Buggy unser bester Türöffner.
Für kleine, ältere und kurznasige Hunde ist Appenzell ideal: keine Steigung, keine langen Wege, und eine Bordsteinkante mussten wir mit dem Buggy kein einziges Mal anheben. Auf der Terrasse einer Bäckerei an der Hauptgasse, unter einer Fassade mit drei gemalten Königen, saßen wir mit Hund ohne jedes Problem. Lässt ein Wirt Hunde auch in die Gaststube, muss er das laut kantonaler Verordnung seinen Gästen erkennbar mitteilen; achten Sie also auf einen Hinweis an der Tür. Freilauf ist auf Schul-, Spiel- und Sportplätzen verboten, und auf den Alpen gehören Hunde während der Alpzeit an die Leine. Wasser bringen Sie am besten selbst mit.
Wie sehr man in Appenzell an seinen Hunden hängt, zeigt schon ein Blick in die Vorschriften des Kantons Appenzell Innerrhoden: Ein Appenzeller Sennenhund mit anerkanntem Stammbaum ist hier ganz von der Hundesteuer befreit. Doch auch vierbeinige Gäste kommen auf ihre Kosten: Am Landsgemeindeplatz 5 fertigt das Atelier Dogsland Halsbänder, Geschirre und Leinen Stück für Stück nach Maß, in Wunschfarbe und mit eingesticktem Namen.
Der Ortskern ist bestens für Räder geeignet. Die Hauptachse ist glatt, das Pflaster ab der Kapelle sauber verlegt. Grobes Kopfsteinpflaster gibt es auf der Runde nur auf einem kurzen Stück der Gerbestrasse. Vor einzelnen Läden führen ein paar Steinstufen zur Tür, dort wartet der Wagen kurz draußen.
Wenn Sie drei Nächte oder länger in Appenzell bleiben möchten, stellen Sie Ihrem Gastgeber bei der Buchung am besten gleich eine Frage: Gibt es die Appenzeller Ferienkarte? Die allermeisten Hotels, Berggasthäuser, Ferienwohnungen und B&Bs im Kanton Appenzell Innerrhoden schenken sie allen Gästen ab sechs Jahren, die mindestens drei Nächte am Stück bei ihnen verbringen. Die Karte ist ausschließlich ein Geschenk an Übernachtungsgäste, das Dankeschön der Region an alle, die sich Zeit nehmen.
Und es steckt erstaunlich viel darin, hier mit den regulären Preisen für Erwachsene:
Allein die drei Bergbahnen und der Museumsbesuch kosten regulär 127 Franken pro Person. Zu zweit bleiben also schon 254 Franken in der Reisekasse.
Wer mit dem Zug kommt, spart noch mehr: Bei den teilnehmenden Gastgebern lässt sich ab drei Nächten am Stück auch die Fahrt von einem Bahnhof in der Schweiz nach Appenzell und zurück gratis bestellen, in der 2. Klasse auf der direkten Verbindung. Sagen Sie Ihrem Gastgeber schon bei der Buchung, dass Sie mit Bahn und Bus anreisen, und bestellen Sie die Tickets spätestens drei Tage vor der Anreise über das Formular von Appenzellerland Tourismus.
Gut zu wissen: An Kasse und Talstation zeigen Sie die Karte zusammen mit Ihrem Ausweis. Die Ebenalp-Bahn fährt 2026 bis zum 1. November und ab dem 25. Dezember wieder, die Bahn auf den Hohen Kasten durchgehend bis Ende Februar 2027.
| Wo | Dorf Appenzell, Hauptort des Kantons Appenzell Innerrhoden (Schweiz), 780 m |
| Eintritt | Ortskern frei · Museum Appenzell 9 Franken, Studierende 7 Franken |
| Dauer | rund zwei Stunden mit Pausen · Runde etwa 1,5 km, fast eben |
| Am Sonntag | mehrere Läden ab 11 Uhr geöffnet · Museum und Käseladen offen · Adventssonntage: alle Läden 11–17 Uhr |
| Käseladen im Haus Salesis | Postplatz · So 11–17 · Di–Fr 10–12 und 13.30–18 · Sa 9–16 Uhr |
| Museum Appenzell | Hauptgasse 4 · April bis Oktober Dienstag bis Sonntag, November bis März nachmittags · Erwachsene 9 Franken, Kinder in Begleitung gratis · freier Eintritt mit Museumspass, Swiss Travel Pass oder Appenzeller Ferienkarte |
| Parken | Parkplatz Ziel an der Zielstrasse, wenige Gehminuten vom Landsgemeindeplatz |
| Ohne Auto | S21 ab St. Gallen in rund 36 Minuten, halbstündlich · vom Bahnhof gut 300 m ins Dorf |
| Mit Hund | kein Freilauf auf Schul-, Spiel- und Sportplätzen · Wasser mitbringen · Atelier Dogsland am Landsgemeindeplatz 5 |
| Mit Kinderwagen | Hauptachse eben · grobes Pflaster nur kurz in der Gerbestrasse · vor einigen Läden Stufen |
Die Hauptgasse mit ihren bemalten Giebelhäusern und goldenen Ladenschildern, den Landsgemeindeplatz mit dem roten Hotel Säntis, die Heiligkreuzkapelle von 1561, das Rathaus mit dem Museum, die Pfarrkirche St. Mauritius auf ihrem Felsen und den Bärenbrunnen. Alles liegt nah beieinander und lässt sich auf einer flachen Runde von etwa anderthalb Kilometern verbinden.
Für einen gemütlichen Rundgang durch den Ortskern rechnet man rund zwei Stunden mit Pausen. Mit Käseeinkauf, Museum und einer Einkehr wird daraus ein halber Tag. Wer zusätzlich in die Berge oder in die Schaukäserei möchte, plant einen ganzen Tag ein.
Für seine bunt bemalten Holzhäuser, für den würzigen Appenzeller Käse mit seiner geheimen Kräutersulz und für den Biber, ein Honiggebäck mit Mandelfüllung. Dazu kommen der Appenzeller Sennenhund und die Landsgemeinde, bei der der Kanton einmal im Jahr unter freiem Himmel abstimmt.
Ja. Läden, die vor allem für Gäste da sind, dürfen in Appenzell auch sonntags von 10 bis 18 Uhr öffnen. Der Bücherladen an der Hauptgasse hat sonntags von 11 bis 17 Uhr offen, die Parfumerie von 11 bis 16 Uhr, der Käseladen im Haus Salesis am Postplatz von 11 bis 17 Uhr. An den Adventssonntagen dürfen alle Läden öffnen.
Ja, besonders mit kleinen, älteren oder kurznasigen Hunden: Der Ortskern ist flach und kompakt, mit einem Hundebuggy kommt man ohne Bordsteinkanten durch. Freilauf ist auf Schul-, Spiel- und Sportplätzen verboten, Gastbetriebe, die Hunde hineinlassen, weisen darauf hin. Am Landsgemeindeplatz fertigt eine Manufaktur Halsbänder und Geschirre nach Maß.
Das Museum Appenzell im Rathaus erzählt die Kulturgeschichte des Kantons und ist von Dienstag bis Sonntag geöffnet. Im Haus Salesis am Postplatz gibt es Appenzeller Käse zu kaufen, und die Läden der Hauptgasse laden zum Stöbern ein. Die bemalten Fassaden wirken bei bedecktem Himmel ohnehin farbintensiver als in grellem Sonnenlicht.
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