
Ein Wasserturm, der seine Tür öffnet, wenn Sie „Ja“ sagen.
Wasser und Schießpulver bringt man normalerweise nicht zusammen. In Neu-Ulm liegt das eine seit über hundert Jahren auf dem anderen, und die meisten, die unten vorbeigehen, ahnen nichts davon.
Wer den Kollmannspark von der Turmstraße aus betritt, sieht zuerst überhaupt keinen Turm. Was den Blick fängt, ist ein altes Gebäude mitten im Park: ein steiles Ziegeldach, das seitlich in einen grünen Hang hineinläuft, darunter eine weiß geschlämmte Wand. Wozu das gut sein soll, erschließt sich nicht. Durch das Laub der alten Bäume schimmert etwas Rosafarbenes, aber zu sehen ist nur der Fuß davon.
Erst wer näher herangeht und um das Gebäude herumläuft, bekommt die ganze Sache zu Gesicht: 47 Meter — und sie stehen nicht auf einem Hügel, sondern auf einem Haus.
Unter dem Turm liegt das Kriegspulvermagazin der alten Bundesfestung. 1853 gebaut, um Schießpulver zu lagern. Ein Gebäude also, das man früher weiträumig umging, wenn man klug war.
Inhalt

Zwei Minuten dauert die Runde, und dabei setzt sich das Bild erst zusammen. Von vorn steht das Magazin frei unter einem schmalen Vordach auf dunklen Holzstützen: helle Bruchsteinecken, dazwischen rotes Ziegelmauerwerk, in der Mitte ein braunes Holztor mit rundem Bogen und schweren Beschlägen. Kein Schmuck, keine Inschrift — ein Zweckbau, dem man ansieht, dass er etwas wegsperren sollte.
Geht man weiter herum, läuft die Dachfläche in den begrünten Wall hinein, und genau dort steht beides übereinander: unten der Keller für den Sprengstoff, oben der Schaft für das Wasser. Fünfzig Jahre Abstand, ein einziger Umriss. Davor liegt eine niedrige Mauer aus Kalksteinquadern mit zwei Holzbänken — von dort sieht man es am besten. Das Tor ist bis heute zu, und was dahinter liegt, verrät niemand.

Gebaut wurde die ganze Anlage 1898 bis 1900 — Pumpstation, Turm und Leitungsnetz in einem Zug. Und von dem, was dabei entstand, ist fast nichts so, wie es aussieht.
Hinter der Fassade steckt kein Gewölbe und keine Wendeltreppe aus dem Märchen, sondern ein Stahlbehälter nach dem damals üblichen Intze-Prinzip, rund 350 Kubikmeter groß. Ein Fass, technisch gesprochen. Alles andere — Putz, Stuck, Gesimse, die hübschen Rundbogenfenster, die Kuppel — ist Verkleidung darum herum.
Wo das Fass sitzt, sieht man vom Fuß aus ziemlich genau: Ganz oben weitet sich der schlanke Schaft zu einem ausladenden Achteck mit weißen Lisenen und hohen Bogenfenstern, darüber wölbt sich eine grün angelaufene Kupferhaube mit einer kleinen Laterne. Dieser breite Aufsatz ist kein Zierrat — da drin steht der Behälter.
Im Grunde hat man einem Industriefass eine Festtagstorte übergezogen.
Angeberei war das nicht, sondern die Selbstverständlichkeit der Zeit. Um 1900 war ein Wasserturm das Aushängeschild einer Stadt, so wie heute ein Museum oder eine Konzerthalle, und blankes Metall mitten im Ort galt schlicht als hässlich. Also bekam der Behälter ein repräsentatives Kostüm. Er trägt es bis heute, obwohl die Arbeit, für die er gebaut wurde, längst weg ist — und es steht ihm immer noch gut.
Die Geschichte dieses Ortes lässt sich an vier Stationen erzählen, und die letzte ist die romantischste.
Erst lagerte hier Pulver. Deshalb der Erdwall ringsum: Er ist keine Gartengestaltung, sondern Statik. Ein Pulvermagazin baut man so, dass eine Explosion nach oben geht und nicht in die Stadt.
Dann kam das Wasser. Vierzig Jahre später suchte die wachsende Stadt einen Platz für ihren Hochbehälter, und dieses Grundstück war unschlagbar: massiv gebaut, ohnehin erhöht, im Besitz der Festungsverwaltung. Man musste gar nichts abreißen. Man setzte den Turm einfach obendrauf.
Dann kam gar nichts mehr. Seit den Sechzigerjahren fließt kein Wasser mehr durch den Behälter. Ein Wahrzeichen ohne Aufgabe — hübsch anzusehen, aber arbeitslos.
Und seit 2021 wird hier geheiratet. Von allen Verwendungen, die man für ein ausgemustertes Wasserreservoir über einem Sprengstofflager finden kann, ist das mit Abstand die überraschendste.

In den Wasserturm kommt nur, wer „Ja“ sagt.
Im Park selbst finden Sie nur eine Tafel mit ein paar Sätzen zur Geschichte des Ortes. Sonst nichts: keine Kasse, keine Öffnungszeiten, keine Führungen. Von außen ein vollständig verschlossenes Bauwerk — und drinnen ein Klub, dessen Mitglieder an diesem Tag die glücklichsten Menschen der Stadt sind.
Denn von Mai bis September traut die Stadt Neu-Ulm hier oben. Gefeiert wird im kleinen Kreis: höchstens zwanzig Personen, Brautpaar, Trauzeugen, Gäste und Fotograf zusammengerechnet. Wer von einer Hochzeit im Wasserturm träumt, wird sich also sehr genau überlegen, wen er dabeihaben möchte. Einen Aufzug gibt es nicht, man steigt zu Fuß. Und wenn das Wetter mitspielt, geht am Ende die Tür zum Balkon im ersten Stock auf, die sonst geschlossen bleibt — vielleicht hat sich gerade dort die Romantik jener Zeit erhalten.
Und wer nicht heiratet? Für den bleibt der Park, und der kann eine Menge. Alt, schattig, kostenlos und so wenig besucht, dass man an einem ruhigen Abend gut und gern allein zwischen den Bäumen steht. Eine halbe Stunde reicht für Turm und Magazin, ein Tor hat der Park nicht — für einen Sonntagnachmittag ist das einer der angenehmsten Plätze der Stadt.
Und auch wenn sich von hier kein Blick über ganz Neu-Ulm öffnet: Wer zum ersten Mal vor diesem Turm steht, nimmt mehr mit, als er erwartet hat.
| Wo | Kollmannspark, Turmstraße, 89231 Neu-Ulm |
| Eintritt | Park und Umgebung frei zugänglich, kostenlos, rund um die Uhr |
| Am Sonntag | geöffnet |
| Innenbesichtigung | Der Turm wird nur für Trauungen geöffnet — Konditionen bei der Stadt Neu-Ulm erfragen |
| Mit Kinderwagen | ja, die Kieswege sind breit und fest |
| Parken | am nächsten die Tiefgarage Südstadtbogen, rund 600 m zu Fuß · alle Parkhäuser im Überblick in unserem Artikel über das Parken in Neu-Ulm |
| Ohne Auto | rund 1,2 km vom Neu-Ulmer Hauptbahnhof, etwa 15 Gehminuten · rund 1 km vom Zentralen Umsteigepunkt (ZUP) gleich nebenan |
| Zeitbedarf | eine halbe Stunde für Park, Turm und Magazin |
Für den normalen Besuch nicht. Es gibt keine Kasse, keine Öffnungszeiten, und öffentlich angebotene Führungen sind nicht bekannt. Von außen ist der Turm samt Pulvermagazin jederzeit frei zugänglich, weil er mitten im öffentlichen Kollmannspark steht.
Ja. Die Stadt Neu-Ulm bietet dort seit 2021 Trauungen an, in der Regel von Mai bis September. Es dürfen höchstens zwanzig Personen insgesamt dabei sein — Brautpaar, Trauzeugen, Gäste und Fotograf zusammen —, und einen Aufzug gibt es nicht. Bei passendem Wetter findet die Zeremonie auf dem Balkon im ersten Stock statt; Anmeldung und aktuelle Konditionen laufen über das Standesamt Neu-Ulm.
Er ist 47 Meter hoch und entstand zwischen 1898 und 1900, zusammen mit Pumpstation und Leitungsnetz. Seit 1964 ist er außer Betrieb.
Ein Stahlbehälter nach dem Intze-Prinzip mit rund 350 Kubikmetern Fassungsvermögen. Alles, was von außen nach Architektur aussieht — Putz, Stuck, Gesimse, Kuppel —, ist Verkleidung um diesen Behälter herum. Um 1900 galt blankes Metall in der Stadt als unansehnlich.
Weil das Magazin schon da war. Es wurde 1853 als Kriegspulvermagazin der Bundesfestung gebaut, war massiv, erhöht und im Besitz der Festungsverwaltung — eine praktische Grundlage für einen Hochbehälter. Beim Rundgang sieht man beide Bauwerke übereinander: unten die Bruchsteinwände mit dem Erdwall, darüber den Turmschaft.
Der Park ja: Die Wege sind breite, feste Kieswege ohne nennenswerte Steigung. Der Turm selbst ist nicht barrierefrei, dort gibt es keinen Aufzug.
Die Beiträge auf dieser Seite beruhen auf Beobachtungen vor Ort und auf eigener Recherche und ordnen sie journalistisch ein. Angaben — etwa zu Öffnungszeiten, Gebühren, Leinenpflicht oder Zutritt — können sich ändern und gelten ohne Gewähr; im Einzelfall kann die Lage anders sein. Dieser Beitrag ersetzt keine Rechtsberatung: Bei konkreten Fragen hilft die zuständige Stadt oder der Betreiber weiter.
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