Donauschwaben-Denkmal in Ulm: Eine Reise ohne Rückfahrkarte und die Rückkehr nach 200 Jahren

Redaktion Wohin FahrenUlmvor 1 Monat28 Aufrufe

An der Ulmer Stadtmauer hängen Dutzende Bronzetafeln aus halb Südosteuropa — geschickt von Orten, deren Gründer einmal in Ulm ins Boot gestiegen sind.

An der Ulmer Stadtmauer, unten am Wasser, hängen Dutzende Bronzetafeln. Jede ist etwa so groß wie ein Kochbuch, jede zeigt ein Wappen, eine kleine Ortsansicht oder eine Landkarte — und auf jeder steht ein Ortsname, den hier fast niemand kennt: Bulkes. Filipowa. Jabuka. Torschau.

Die Orte liegen nicht in der Nähe. Sie liegen ebenfalls an der Donau, nur viel weiter unten — im heutigen Serbien, Rumänien, Kroatien und Ungarn. Und sie haben alle dasselbe gemeinsam: Ihre Gründer sind in Ulm ins Boot gestiegen.

Es ist ein Stück Stadtmauer am Fluss, an dem man vorbeikommt, ohne es zu bemerken — direkt darunter verläuft der Donauradweg.

Hier stiegen sie ins Boot

Im 18. Jahrhundert lagen die Landstriche im Südosten Europas verwüstet und halb entvölkert da: Jahrzehntelange Kämpfe zwischen Habsburgern und Osmanen hatten ganze Landschaften geleert. Wien wollte sie wieder besiedelt sehen und warb Bauern und Handwerker an — vor allem im deutschen Südwesten.

Losgefahren wurde in Ulm. Hier stiegen sie in flache Holzkähne, die man später Ulmer Schachteln nannte, und ließen sich die Donau hinuntertreiben. Flussaufwärts fuhr so ein Boot nie wieder: Am Ziel wurde es auseinandergenommen und das Holz verkauft. Für alle an Bord war es eine Fahrt in nur eine Richtung.

Angekommen sind sie im Banat, in der Batschka, in Slawonien, in Ungarn und im Sathmarer Land. Dort haben sie Dörfer gebaut — die Namen auf den Tafeln sind genau diese Dörfer —, ihre Sprache behalten und ungefähr zwei Jahrhunderte lang gelebt. Auf der großen Banater Tafel steht, dass im Banat fast dreihundert Jahre lang eine halbe Million Deutsche eine Heimat hatten.

Zweihundert Jahre später

Am Ende des Zweiten Weltkriegs kehrte sich alles um. Wer deutsch war, wurde kollektiv haftbar gemacht: enteignet, interniert, aus Dörfern vertrieben, in denen seine Familie seit Generationen lebte. Viele haben das nicht überlebt.

Die Überlebenden kamen mit nichts in ein zerstörtes Deutschland — und ein Teil von ihnen landete genau dort, wo die Fahrt ihrer Vorfahren zweihundert Jahre früher begonnen hatte.

Das ist der Grund, warum diese Wand in Ulm steht und nicht in München oder Wien. In Ulm ging die Fahrt los, und in Ulm schloss sich der Kreis. Abgelegt haben die Schiffe übrigens ein Stück flussabwärts, am Schwal, der Spitze der Insel in Neu-Ulm: Dort lag Ulms Hafen, mehr dazu in unserem Artikel über den Schwal. Seit 1962 heißt der Uferabschnitt hier offiziell Donauschwabenufer.

Die Ulmer Stadtmauer am Donauschwabenufer von der Flussseite, links eine Denkmalstele mit Bronzerelief, dahinter die Altstadt und der Münsterturm
Donauschwabenufer, Ulm

Ein Boot, aus dem ein Kreuz ragt

Bevor es die vielen kleinen Tafeln gab, stand hier nur ein einziges Denkmal, und es steht bis heute etwas abseits: links vom Durchgang eine schmale helle Stele. Seit den späten Fünfzigerjahren.

Wer näher herangeht, sieht, was auf ihr sitzt: ein Boot mit drei Figuren darin — ein Mann, eine Frau und ein Kind. Und statt eines Masts ragt ein schmales, hohes Kreuz aus dem Boot — weit über die Köpfe hinaus, bis fast an die Oberkante der Stele. Ein stiller Verweis auf die Flucht der heiligen Familie und ein Bild, das die ganze Geschichte in einem Gegenstand zusammenfasst: Aufbruch, Hoffnung und Flucht, und immer übers Wasser.

Daneben, in den Stein geschlagen, steht der Satz, der den Kreis schließt:

„Von Ulm aus zogen deutsche Siedler im 18. Jahrhundert auf der Donau nach dem Südosten Europas. Ihre Nachfahren kehrten, vom Schicksal nach dem Zweiten Weltkrieg aus ihrer Heimat vertrieben, in das Land ihrer Väter zurück.“

Backsteinmauer am Donauschwabenufer in Ulm mit vier Reihen bronzener Gedenktafeln
Donauschwabenufer, Ulm

Eine Wand, die weiterwächst

Dieses Denkmal war der Anfang. Die Bronzetafeln daneben kamen erst nach und nach dazu, Gemeinde für Gemeinde — einzelne wurden noch 2010, 2017 und 2018 angebracht.

An der Wand neben dem Durchgang hängen im Moment 31 Tafeln.

Bronzene Gedenktafeln donauschwäbischer Gemeinden aus der Nähe, mit Wappen, Karten, Jahreszahlen und Einwohnerzahlen
Donauschwabenufer, Ulm

Was die Jahreszahlen erzählen

Die Tafeln folgen alle demselben Aufbau: Ortsname, ab wann dort deutsche Siedler lebten, wie groß der Ort war, dazu Wappen, Kirche oder Karte. Und am Ende, in kleinerer Schrift, die Verluste des Krieges und der Vertreibung — dafür hängen sie hier.

Am meisten erzählen die Jahreszahlen. Acht davon haben wir uns aufgeschrieben — ein kleiner Ausschnitt der Wand, mehr nicht. Liest man sie der Reihe nach, ergibt das so etwas wie eine Abfahrtstafel:

Gemeinde Besiedelt ab Einwohner
Bukin an der Donau 1749 3735
Filipowa, Batschka 1763 5306
Jabuka 1764 2935
Glogon 1767 1768
Torschau, Batschka 1784 3886
Bulkes, Batschka 1786 2723
Tschestereg, Banat 1828 2000
Rudolfsgnad, Banat 1866 3200

Mehr als hundert Jahre liegen zwischen der ersten und der letzten dieser Zahlen. Es war keine einzelne große Auswanderungswelle, sondern ein langer, ruhiger Strom — Familie für Familie, Boot für Boot, über Generationen hinweg.

Auf manchen Tafeln steht neben dem Gründungsjahr auch das Jahr, in dem es damit zu Ende war. Auf der von Rudolfsgnad zum Beispiel: 1866 und 1944.

Wer drei Tafeln gelesen hat, liest auch die vierte. Man vergleicht Gründungsjahre, sucht den größten Ort, findet einen Namen, der sich nach einem Menschen anhört. Nach zwanzig Minuten steht man immer noch da. Wahrscheinlich steht schon jemand vor der Wand, wenn Sie ankommen — oder Sie werden selbst zu diesem Jemand.

Blick von der Ulmer Altstadt durch den gewölbten Durchgang in der Stadtmauer hinaus zur Donau
Donauschwabenufer, Ulm

Durch die Mauer ins Fischerviertel

Der gepflasterte Durchgang ist nicht nur ein Loch in der Stadtmauer, sondern der kürzeste Weg ins Fischerviertel — und dorthin sollten Sie anschließend gehen, ganz gleich, ob Sie zum ersten Mal in Ulm sind oder seit Jahren hier wohnen.

Dieser Teil der Altstadt findet immer etwas, womit er Sie aufhält: windschiefe Fachwerkhäuser, die Blau in schmalen Kanälen, kleine Brücken, Gassen, die anders laufen, als man denkt. Man geht hinein, um etwas anzuschauen, und kommt eine Stunde später wieder heraus.

Blick über die stille Donau auf das Neu-Ulmer Ufer im Abendlicht, am Wasser sitzen Menschen auf den Uferstufen
Blick vom Donauschwabenufer in Ulm nach Neu-Ulm

Praktisches

Wo Donauschwabenufer, Ulm — an der Stadtmauer zwischen Gänstorbrücke und Fischerviertel
Eintritt frei zugänglich, kostenlos, rund um die Uhr
Am Sonntag zugänglich
Zeitbedarf 10 Minuten für den Überblick, eine Stunde, wenn Sie anfangen zu lesen
Mit Hund erlaubt
Ohne Auto rund 900 m vom Ulmer Hauptbahnhof, gut zehn Gehminuten · vom Fischerviertel zwei Minuten
In der Nähe Fischerviertel, Metzgerturm und Marktplatz jeweils unter zehn Gehminuten

Häufige Fragen zum Donauschwaben-Denkmal in Ulm

Wo genau befindet sich das Donauschwaben-Denkmal in Ulm?

Am Donauschwabenufer, also an der historischen Stadtmauer direkt am Fluss, zwischen Gänstorbrücke und Fischerviertel. Vom Ulmer Hauptbahnhof sind es rund 900 Meter zu Fuß. Der Donauradweg führt unmittelbar daran vorbei.

Wie viele Gedenktafeln hängen am Donauschwabenufer in Ulm?

An der Wand neben dem Mauerdurchgang sind es im Moment 31. An anderen Abschnitten der Mauer hängen weitere, eine Gesamtzahl nennt niemand. Einzelne Tafeln kamen noch 2010, 2017 und 2018 dazu.

Was steht auf den Gedenktafeln am Donauschwabenufer?

Fast alle folgen demselben Aufbau: Name der Gemeinde, ab wann dort deutsche Siedler lebten, wie viele Einwohner der Ort hatte, dazu ein Wappen, eine kleine Ortsansicht oder eine Karte des Siedlungsgebiets. Am Ende nennen die meisten Tafeln auch die Verluste des Zweiten Weltkriegs und der Vertreibung — dafür sind sie angebracht worden.

Was hat es mit der Stele neben dem Durchgang auf sich?

Sie steht seit 1958 und war der Anfang des Denkmals. Auf ihrer Vorderseite ist ein Boot herausgearbeitet, in dem ein Mann eine Frau mit Kind hält; statt eines Masts ragt ein Kreuz heraus. Die Inschrift an der Seite nennt beide Richtungen: die Siedler, die im 18. Jahrhundert von Ulm aus donauabwärts fuhren, und ihre Nachfahren, die nach dem Zweiten Weltkrieg vertrieben zurückkamen. Seit 1962 heißt das Ufer davor offiziell Donauschwabenufer.

Kann man das Donauschwaben-Denkmal in Ulm auch sonntags ansehen?

Ja, ohne Einschränkung. Es ist ein frei zugängliches Denkmal im öffentlichen Raum — ohne Kasse, ohne Öffnungszeiten und ohne Aufsicht. Gerade sonntags, wenn in Ulm die Läden und viele Museen geschlossen sind, ist das einer der wenigen Programmpunkte, die trotzdem funktionieren.

Ist das Donauschwabenufer in Ulm barrierefrei erreichbar?

Von der Flussseite ja: Der Uferweg ist eben, asphaltiert und stufenlos. Der gepflasterte Durchgang hinauf in die Altstadt steigt leicht an und hat grobes Kopfsteinpflaster, das mit Rollstuhl oder Kinderwagen unbequem ist.

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Rechtlicher Hinweis

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